Ich suche Trost im Wort

Ich suche Trost im Wort, 
das niemals noch mich trog,
das von den Dingen mir 
getreu den Umriß zog,
wie durch ein Blatt ein Kind 
die Fibel für sich paust,
die Bilder und den Sinn, 
der zwischen ihnen haust.

Auf heller Straße täuscht 
Gebärde und Gesicht,
ich trau des Nachbars Gruß, 
dem Wort des Freundes nicht;
ich traue selbst nicht dem, 
was ich soeben sprach,
nur, was ich schreibe, 
zieht, was feststeht, richtig nach.

Nur an Geringes will 
vorerst ich wagen mich,
an Dinge, die im Schlaf 
ich traf auf einen Strich,
vielleicht im Fenster dort 
an Flügelpaar und Zweig,
ans Pflaster, das gekörnt 
sich wölbt von Steig zu Steig.

Wie der Holunder sich 
zur Zeit der Blüte spreizt,
das ist so schmerzlich klar, 
daß es zu Tränen reizt;
das üb ich, das bewährt 
dem Ohr sich auch im Klang:
zu sagen ist so viel, 
nun ist mir nicht mehr bang.

von Theodor Kramer

(* 1. Jänner 1897 in Niederhollabrunn, Österreich-Ungarn; † 3. April 1958 in Wien)

Barcelona,Spanien