im Herzen

Nicht im Feld und auf den Bäumen –

In den Herzen muß es keimen,

Wenn es besser werden soll!

Gottfried Keller

(* 19. Juli 1819 in Zürich; † 15. Juli 1890 ebenda)

Barcelona,Spain

Mailied

Pflücket Rosen, um das Haar
Schön damit zu kränzen,
Reihe dich, o junge Schaar,
Dann zu frohen Tänzen!

Nehmt die Leier von der Wand,
Kränzet sie und gebet
Sie dem Sänger in die Hand,
Der sie uns belebet.

Freuet euch, so lang der Mai
Und der Sommer währet;
Nur zu bald sind sie vorbei,
Und der Winter kehret.

Lange müßt ihr dann auf’s neu
Bei der Lampe sitzen,
Und bei ew’gem Einerlei
Saurer Arbeit schwitzen.

Elisabeth Kulmann

(5.Juli 1808 in Sankt Petersburg; † 19. November 1825 ebenda)

Barcelona,Spanien

Casida des vergoldeten Mädchens

Das vergoldete Mädchen
badete im Wasser,
und das Wasser färbte sich golden.

Die Algen und die Zweige
im Schatten beschatteten sie,
und die Nachtigall sang
für das weiße Mädchen.

Da kam die klare Nacht,
durch übles Silber trübe,
mit kahlen Bergen
unter der grauen Brise.

Das nasse Mädchen
war weiß im Wasser,
und das Wasser loderte.

Da kam die fleckenlose Morgenröte
mit tausend Kuhgesichtern,
steif ins Leichentuch gehüllt,
mit gefrorenen Girlanden.

Das weinenende Mädchen
badete inmitten von Flammen,
und die Nachtigall weinte
mit verbrannten Flügeln.

Das goldene Mädchen
war ein weißer Reiher,
vergoldet durch das Wasser.

von Federico García Lorca

(* 5. Juni 1898 in Fuente Vaqueros, Provinz Granada; † 19. August 1936 in Víznar nahe Granada),

Deutsch von Johannes Beilharz 

Barcelona,Spanien

Das Leben ist ein Traum

Was ist Leben? Irrwahn bloß!

Was ist Leben? Eitler Schaum,

Trugbild, ein Schatten kaum,

Und das größte Glück ist klein;

Denn ein Traum ist alles Sein,

Und die Träume selbst sind Traum.

Pedro Calderón de la Barca

(* 17. Januar 1600 in Madrid; † 25. Mai 1681 ebenda) 

Barcelona,Spanien

Zwischen Bleiben und Verschwinden

Zwischen Bleiben und Verschwinden
schwankt hin und her der Tag,
versunken in den Spiegel
durchsichtiger Dämmerung.

Schon rundet sich das Abendmeer
zu einer Bucht,
in deren stillem Wellenschlag
die Welt sich wiegt.

Alles steht dir vor Augen,
und alles entzieht sich dir.
Alles ist zum Greifen nahe
und unfassbar zugleich.

Die Papiere und das Buch,
der Stift und das Glas –
unantastbar ruhen sie
im Schatten ihrer Namen.

Unerbittlich pochend
schreibt meinen Schläfen
die Zeit ihren Puls ein
mit Silben aus Blut.

Auf den Gleichmut der Mauer
zeichnet das flüchtige Licht
ein geisterhaftes Mosaik
aus flirrenden Gedankenbildern.

In der Mitte meines Auges
entdecke ich mich selbst.
Es sieht mich nicht, aber
ich sehe mich in seinem Blick.

Der Augenblick entschwindet.
Ohne mich zu rühren,
bleibe und verschwinde ich.
Ich bin eine Atempause.

Octavio Paz

(* 31. März 1914 in Mixcoac, heute Mexiko-Stadt; † 19. April 1998 ebenda)

Rosa Negra,Bracelona,Spanien

das Leben

GÓNGORA

Alt geworden der Andalusier, der allen Grund hat,
aaaaastolz zu sein,
Dichter, dessen hellsichtiges Wort wie Diamant,
Überdrüssig, seine Hoffnungen bei Hof zu
aaaaastrapazieren,
Überdrüssig seiner würdevollen Armut, die ihn
aaaaazwingt,
Das Haus bei Tag nicht zu verlassen, nur im
aaaaaAbenddämmer, wenn die Schatten,
Großmütiger als die Menschen,
Im üblichen fahlen Dunkel der Straßen
Den abgeschabten Flanell seiner Kutsche und seines Kleides fadenscheinigen Taft bereits verhehlen;
Überdrüssig, nach des Hochadels Gunstbezeigungen zu trachten,
Sein Stolz, gedemütigt vom beharrlichen Bitten,
Überdrüssig der so vielen auf der Jagd nach Reichtum
Vertanen Jahre fern von Córdoba, der flachen, und ihrer stolzen Mauer,
Kehrt er zurück zum heimatlichen Winkel, ruhig und schweigsam dort zu sterben.

Luis Cernuda (1902–1963)

Barcelona,Spanien

Vergnügen

Wenn ich dieses Vergnügen mit soviel Klugheit und Umsicht genieße, wird es für mich kein Vergnügen mehr sein.

Lope de Vega (1562 – 1635)

Barcelona,Spanien