Finis coronat opus
Das Ende krönt das Werk – Ovid







Finis coronat opus
Das Ende krönt das Werk – Ovid







Wie seltsam hat sich dies gewendet,
Daß aller Wege wirrer Sinn
Vor dieser schmalen Tür geendet
Und ich dabei so selig bin!
Der stummen Sterne reine Nähe
Weht mich mit ihrem Zauber an
Und hat der Erde Lust und Wehe
Von meinen Stunden abgetan.
Der süße Atem meiner Geige
Füllt nun mit Gnade mein Gemach,
Und so ich mich dem Abend neige,
Wird Gottes Stimme in mir wach.
Wie seltsam hat sich dies gewendet,
Daß aller Wege wirrer Sinn
Vor dieser schmalen Tür geendet
Und ich dabei so selig bin,
Und von der Welt nur dies begehre,
Die weißen Wolken anzusehn,
Die lächelnd, über Schmerz und Schwere,
Von Gott hin zu den Menschen gehn.
von Stefan Zweig
(* 1881-11-28, † 1942-02-23)








Barcelona,Spanien
Auf den Spuren des Schönen hatte Aschenbach sich eines Nachmittags in das innere Gewirr der kranken Stadt vertieft. Mit versagendem Ortssinn, da die Gässchen, Gewässer, Brücken und Plätzchen des Labyrinthes zu sehr einander gleichen, auch der Himmelsgegenden nicht mehr sicher, war er durchaus darauf bedacht, das sehnlich verfolgte Bild nicht aus den Augen zu verlieren, und zu schmählicher Behutsamkeit genötigt, an Mauern gedrückt, hinter dem Rücken Vorangehender Schutz suchend, ward er sich lange nicht der Müdigkeit, der Erschöpfung bewusst, welche Gefühl und immerwährende Spannung seinem Körper, seinem Geiste zugefügt hatten. Tadzio ging hinter den Seinen, er ließ der Pflegerin und den nonnenähnlichen Schwestern in der Enge gewöhnlich den Vortritt, und einzeln schlendernd wandte er zuweilen das Haupt, um sichüber die Schulter hinweg der Gefolgschaft seines Liebhabers mit einem Blick seiner eigentümlich dämmergrauen Augen zu versichern. Er sah ihn, und er verriet ihn nicht. Berauscht von dieser Erkenntnis, von diesen Augen vorwärts gelockt, am Narrenseile geleitet von der Passion, stahl der Verliebte sich seiner unziemlichen Hoffnung nach – und sah sich schließlich dennoch um ihren Anblick betrogen. Die Polen hatten eine kurz gewölbte Brücke überschritten, die Höhe des Bogens verbarg sie dem Nachfolgenden, und seinerseits hinaufgelangt, entdeckte er sie nicht mehr. Er forschte nach ihnen in drei Richtungen, geradeaus und nach beiden Seiten den schmalen und schmutzigen Quai entlang, vergebens. Entnervung, Hinfälligkeit nötigten ihn endlich, vom Suchen abzulassen.
von Thomas Mann /aus der Tod in Venedig







Barcelona,Spanien
Jetzt gehen wir
mit den Bäumen sprechen
und mit den Vögeln.
Vielleicht werden
sie uns verstehen.
von Jeannette Paterakis







Barcelona,Spanien
Meine liebe Mutter du,
ich will dir Blumen schenken.
Was ich dir sagen will dazu,
das kannst du dir schon denken.
Ich wünsch dir Glück und Fröhlichkeit,
die Sonne soll dir lachen!
So gut ich kann und allezeit
will ich dir Freude machen.
Denn Muttertage, das ist wahr,
die sind an allen Tagen.
Ich habe dich lieb das ganze Jahr,
das wollte ich dir sagen.
von Ursula Wölfel
(* 16. September 1922 in Hamborn, heute Stadtteil von Duisburg; † 23. Juli 2014 in Heidelberg)







Barcelona,Spanien
von Andreas Reiman
Tag in Barcelona
Wär ich gefahrn mit dem zuge, die landschaft
grad noch erhaschend, und also entfernung
als wandel begreifend! Wär mit dem schiffe
ich übergefahren, und also begreifend
entfernung als zeit! – Doch ich stieg
ins flugzeug, und wußte es vorher doch:
wer fliegt, der stürzt ab. Und erwachte
in der ordnung des wirbelsturms.
Und wußte auf einmal: ich wollte das leben
schon immer mir angeschehn lassen,
fast ohne ein zutun, wie die geburt.
Auch hätt‘ ich mich niemals zur wehr setzen müssen,
wär nicht so groß, so entschieden bescheiden
mein anspruch gewesen: ich wollte das gras
wachsen hören, und trinken den wein,
ohne dass eine bedrängnis
ihn in den becher mir goß.
Das leben: »Nimms einfach!«, so hieß es, und waren
die worte gedacht zur ermunterung stets:
hier waren sie endlich forderung auch.
Und abends die tänzer, die feuerwerksgarben,
pauken, tschinellen und cimbeln,
und gänzlich mit glitzern besprenkelt das meer
bis über die köpfe der heiteren, aber
unverwunderten leute!
Da stand ich erschüttert, und heulte
vor freude, freunde, und hemmungslos.
Und heulte, ach all ihr unwiderbringlich
verpaßten entfaltungen schmetterlingsgleich!,
vor wehmut desgleichen:
ein kind, und ein greis.
Andreas Reimann
(* 11. November 1946 in Leipzig)







In den Herzen muß es keimen,
Wenn es besser werden soll!
Gottfried Keller
(* 19. Juli 1819 in Zürich; † 15. Juli 1890 ebenda)







Barcelona,Spain
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