Montjüic

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Rainer Maria Rilke
(* 4. Dezember 1875 in Prag, Österreich-Ungarn; † 29. Dezember 1926im Sanatorium Valmont bei Montreux, Schweiz; eigentlich René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke

Barcelona,Spanien

Burg Montjüic

von Andreas Reiman

Tag in Barcelona

Wär ich gefahrn mit dem zuge, die landschaft
grad noch erhaschend, und also entfernung
als wandel begreifend! Wär mit dem schiffe
ich übergefahren, und also begreifend
entfernung als zeit! – Doch ich stieg
ins flugzeug, und wußte es vorher doch:
wer fliegt, der stürzt ab. Und erwachte
in der ordnung des wirbelsturms.

Und wußte auf einmal: ich wollte das leben
schon immer mir angeschehn lassen,
fast ohne ein zutun, wie die geburt.

Auch hätt‘ ich mich niemals zur wehr setzen müssen,
wär nicht so groß, so entschieden bescheiden
mein anspruch gewesen: ich wollte das gras
wachsen hören, und trinken den wein,
ohne dass eine bedrängnis
ihn in den becher mir goß.

Das leben: »Nimms einfach!«, so hieß es, und waren
die worte gedacht zur ermunterung stets:
hier waren sie endlich forderung auch.

Und abends die tänzer, die feuerwerksgarben,
pauken, tschinellen und cimbeln,
und gänzlich mit glitzern besprenkelt das meer
bis über die köpfe der heiteren, aber
unverwunderten leute!

Da stand ich erschüttert, und heulte
vor freude, freunde, und hemmungslos.
Und heulte, ach all ihr unwiderbringlich
verpaßten entfaltungen schmetterlingsgleich!,
vor wehmut desgleichen:
ein kind, und ein greis.

Andreas Reimann

(* 11. November 1946 in Leipzig)