Sagrada Familia 2

Unterm weißen Baume sitzend 

Unterm weißen Baume sitzend, 
Hörst du fern die Winde schrillen, 
Siehst, wie oben stumme Wolken
Sich in Nebeldecken hüllen; 

Siehst, wie unten ausgestorben 
Wald und Flur, wie kahl geschoren; – 
Um dich Winter, in dir Winter, 
Und dein Herz ist eingefroren. 

Plötzlich fallen auf dich nieder 
Weiße Flocken, und verdrossen
Meinst du schon, mit Schneegestöber 
Hab der Baum dich übergossen. 

Doch es ist kein Schneegestöber, 
Merkst es bald mit freudgem Schrecken; 
Duftge Frühlingsblüten sind es, 
Die dich necken und bedecken. 

Welch ein schauersüßer Zauber! 
Winter wandelt sich in Maie, 
Schnee verwandelt sich in Blüten, 
Und dein Herz es liebt aufs neue.

von Heinrich Heine

Barcelona ,Spanien

Sagrada Familia

Frühling

Wir wollen wie der Mondenschein
Die stille Frühlingsnacht durchwachen,
Wir wollen wie zwei Kinder sein,
Du hüllst mich in dein Leben ein
Und lehrst mich so, wie du, zu lachen.

Ich sehnte mich nach Mutterlieb’
Und Vaterwort und Frühlingsspielen,
Den Fluch, der mich durch’s Leben trieb,
Begann ich, da er bei mir blieb,
Wie einen treuen Freund zu lieben.

Nun blühn die Bäume seidenfein
Und Liebe duftet von den Zweigen.
Du mußt mir Mutter und Vater sein
Und Frühlingsspiel und Schätzelein
– – – Und ganz mein Eigen …

von Else Lasker-Schüler

Barcelona,Spanien